Mimesis: ist die Nachahmung der Ideen.
Die Ideen sind ewig und unentstanden. Die Ideen sind reine Gebilde ohne Raum und Zeit. Ideen sind logoshafte Wesenheiten, d.h. sie tragen ihr Sein rein in sich. Sie tragen ihr Wesen rein in sich. Sie tragen ihr Werden rein in sich. Sie tragen ihre Substanzen rein in sich. Nachahmung der Wesenheiten heißt Erschauung der Wesenheiten. Wesensschau also ist die Grundlage aller Erkenntnis. Die Wesensschau ist keine Nachahmung der Wirklichkeit. Die Wesensschau ist aber auch keine metaphysische Weltverleugnung. Die Wesensschau ist die Praxis allen Erkennens und allen Welterkennens. Die Dinge tragen ihr Sein je in sich. Den Pflanzen ist ihr Pflanzesein wesentlich. Zwar sind die Akzidentien veränderlich, aber die jeweiligen Substanzen sind unveränderlich. Zahlen und geometrische Gebilde sind die Ur-Wesenheiten aller Dinge. In Zahlen und in geometrischen Figuren sind alle Geheimnisse der Dinge kodiert. Nachahmung der Wirklichkeit heißt, diese Kodierung zu durchschauen, sie aufzubrechen, das Geheimnis der Dinge zu enträtseln. Alles wahrhafte Erkennen ist demnach gleichzeitig Schöpfung. Wir erkennen ja nicht das Ding an sich ohne uns. Wir erkennen das Ding an sich, indem wir es aufschließen, indem wir es in uns aufschließen, indem wir es in unser Dasein hineinprägen. Es war immer da, aber wir schließen es auf - für uns. Wir machen aus einem reinen An-sich des Dings an sich ein reines An-sich für uns. Wir verändern uns dadurch, indem wir erkennen, indem wir das Wesen eines Dinges erschauen, indem wir es für uns eröffnen. Dieses Eröffnen, dieses Entbergen des Wesentlichen bedeutet für uns Weltschöpfung, wir erschöpfen die Welt für uns, indem wir ihr Wesen für uns eröffnen. Nachahmung ist somit nicht passiv, sondern Nachahmung ist somit gleichzeitig aktive Schöpfung, aktive Entbergung, aktive Gestaltgebung, aktive Menschwerdung.

